Sonntag, 16. Juni 2013

Leseglück: Die Filmerzählerin



"Gebannt saß ich im Bauch des halbdunklen Kinoschiffs, in einer Art Höhle, rätselhaft, geheimnisumwittert, ewig unerforscht. Mit dem Schritt durch den schweren Samtvorhang war mir, als träte ich aus der rauen Wirklichkeit in eine verwunschene Zauberwelt ein. Wir setzten uns in die erste Reihe, fast mit der Nase vor die gewaltige weiße Fläche, zu der ich aufsah wie zum Hochaltar einer Kirche. Die Spannung steigerte sich bis zu dem wunderbaren Moment, wenn die Lichter erloschen, die Tür sich schloss, die Musik verstummte. Und dann füllte sich die Leinwand mit Leben und Bewegung. Mir war, als schwebte ich in der Luft."



Inhalt

Maria Margarita wächst in einer Minensiedlung inmitten der chilenischen Atacama-Wüste auf. Sie hat vier Brüder und einen Vater, der von der Hüfte abwärts gelähmt ist. Ihre Mutter hat die Familie nach dem Arbeitsunfall ihres Mannes sitzen lassen und sich einem Wanderzirkus angeschlossen. In der Familie spricht niemand mehr über sie. 

In der Weite und Leere der Wüste gibt es für die Menschen zu jener Zeit nichts Spannenderes als Kino - nur den Eintritt kann sich kaum jemand leisten. Maria Margaritas Vater - selbst großer Cineast - tüftelt einen Wettbewerb aus: Jedes seiner Kinder darf eine Kinovorstellung besuchen und den Film zuhause nacherzählen. Maria Margarita meistert diese Aufgabe so hervorragend, dass ihr Vater sie kurzerhand zur Filmerzählerin der Siedlung ernennt. Immer mehr Menschen strömen fortan in die Vorstellungen der Zehnjährigen. Ihr erzählerisches Talent erweist sich für die Familie als kleine "Goldgrube". Mit der Zeit schmückt sie die Geschichten immer weiter aus, wächst zu einer jungen, hübschen Frau heran - und schließlich wird sie sogar von den Bewohnern der Siedlung für private Vorstellungen nach Hause eingeladen. Maria Margarita ist glücklich - doch schon bald wird ihr Ruhm auf tragische Weise überschattet. Und dann hält zu allem Überfluss auch noch der Fernseher Einzug in das chilenische Dorf...



"Ohne mir viele Gedanken darüber zu machen, war ich zu jemandem geworden, der für andere eine Scheinwelt erschafft. Ich war eine Art Fee, genau wie die Nachbarin gesagt hatte. Meine Filmerzählungen holten die Leute aus dem bitteren Nichts der Wüste und führten sie, wenn auch nur für ein Weilchen, in wunderbare Welten voller Liebesleidenschaft, Träume und Abenteuer."



Kurzrezension

Das Buch "Die Filmerzählerin" von Hernán Rivera Letelier war ein Zufallsfund. Ich stöberte im Buchladen nach einem nicht zu dicken Büchlein, das man gut "zwischendurch" lesen kann. Da ich den Titel und den Waschzettel sehr ansprechend fand, nahm ich es mit. Und was soll ich sagen? Ich habe es innerhalb kürzester Zeit "verschlungen" (keine Kunst bei nur 107 Seiten). Aber so kurz das Werk auch ist - es wirkt noch lange umso stärker nach. 

Der Autor, der in Südchile geboren ist, erzählt in der Ich-Form die Lebensgeschichte von Maria Margarita - so anschaulich und raffiniert, dass man selbst das Gefühl hat, in einem Kinofilm zu sitzen. Man teilt mit der Filmerzählerin die intensiven Momente des Glücks - und des Unglücks. Die Kapitel sind kurz und knapp, die Sprache schnörkellos und klar. Kein Satz zu viel. Kein Satz zu wenig. Darüber hinaus ist das Buch eine Liebeserklärung an das Kino und die Macht der Fantasie.



Fazit

Dieses Buch ist großes Kino. Kurz, aber oho.

1 Kommentar:

  1. Ich hab zu danken. Ich freu mich immer wenn ich so herzige Kommentare bekomme. =)

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Ich freue mich über jedes liebe Wort und natürlich konstruktive Kritik von dir. Schön, dass du mich hier besuchst. :)